Dschungelcamp 2016: Der erste Eindruck

Gestern Abend begann das neue Dschungelcamp, und so sehr ich mich auch über die deutliche, um im sich schon abzeichnenden Jargon der neuen Riege zu bleiben, amtliche, ja disziplinierte Qualitätssteigerung gegenüber der letzten Lieferung gefreut habe, blieb doch ein ungutes Gefühl zurück, es könne die Sache diesmal wieder, freilich ganz anders als im letzten Jahr, schief gehen.

Erinnern wir uns – lieber nicht allzu deutlich; in aller Kürze: die Kandidaten gebärdeten sich im Frühjahr 2015 auch also solche, ein grobes Missverständnis der Veranstaltung, das der Rest der Welt sofort hämisch geißelte: wir sind doch hier nicht in einer Fensehshow! Die diesjährige Komposition von Menschenmaterial hat´s auf Anhieb besser begriffen, oder vielmehr: inkorporiert. Sie alle zeigen so derart deutlich einen spezifischen Typus des Irregewordenseins an der verbleichenden bürgerlichen Gesellschaft, dass klar ist: die wissen nicht, dass sie an der verbleichenden bürgerlichen Gesellschaft irre geworden sind, die sind einfach so, die finden das normal, und das ist ja auch gut so. Schließlich würde die Inszenierung sonst zu einem öden Ironie-Ringelpiez verkommen, der weit hinten in Australien, wo am Verzehr von Kamelköpfen vor laufender Kamera als eigentlich problematisch empfunden wird, dass man ja leider Veganerin ist, bzw. „keinem Tier weh tun kann“, sich selbst und anderen Menschen jederzeit, gerne, aber einem Kamel oder einer Wasserspinne, einer Assel gar … der dort also noch krachender an die Wand führe als in jedem aufgeblasenen Dokumentartheater in der Hauptstadt. Wer als prekäre Existent mit dem Finger auf andere zeigt oder böhmermannesk im Türkendeutsch radebrecht, wie doof die anderen sind, die sich nur Aldi leisten können, der ist eben nur einer von denen, und ein besonders trauriges Exemplar noch dazu.

In der Class of 2016 ist an derlei Schmalspurkunstanstrengug glücklicherweise nicht zu denken (es wäre ja die Kunst, die wir alle verdient haben). Hier trifft nun mit Thorsten Legat der fleischgewordene Wille zum Malochen in der Welt, die Maloche gar nicht mehr braucht, auf den ewigen Praktikanten Menderes, der sich greinend für alle die „tollen Chancen“ bedankt, sich demütigen zu lassen, dessen Dackelblick aber verrät, wie tief er empfindet, dass er nicht einmal mehr das Maikäferpumpen und das Tattoostubenbesitzerhafte des Unterligacheffchens noch zur Verfügung hat, noch die homoerotisch durchglühte Sidekickmasche des Mallorcaeintänzers. Wir erleben die drei Frauentypen, die öffentlich noch zulässig sind: die, die mit Macht dahin will, wo die Männer hingestellt sind, und deshalb als bedrohlich, als „Kampflesbe“ auch und gerade von anderen Frauen empfunden wird, die, die operativ all das erfüllt, was Männer wie auf dem Zeitschriftentitel „wollen“ und darob sagt: „An mir ist nichts echt“, und die, die als hochdisziplinierte, körperlich ausgewiesene und blendende Erscheinung auf den Sockel will, wo ihr keiner mehr was kann. Drumherum irrlichtern alt gewordene Abgeschriebene, die entweder ins kindlich-anale regredieren und zwanghaft in alle Ecken pissen (Gabriel), oder einen Traum von Dandy vererbt bekommen haben, der nur um den Preis der körperlichen und geistigen Gesundheit als Ganzkörpercharaktermaske aufzuziehen ist (Zacher).

So unterhaltsam und gruselig das auch ist, es fehlt – bisher- die weitere Drehung der Schraube, die die Zentralgestirne der legendären vorletzten Staffel beherrschten, die Busengeneralin und Larissa nämlich. Nur auf den ersten Blick waren auch sie Vertreterinnen der ballonbrüstig um Zugehörigkeit zur Männerwelt heischenden Wichs- und Angstgespenster bzw. der zur Unnahbarkeit strebenden Streberinnen-Elfen. Sie konnten, ebenso wie einige fein besetzte Nebenrollen, Glatzeder etwa, etwas, was für das vollkommene Glücken des Formats unabdingbar ist, nämlich das gleichzeitige Einnehmen zwei Quantenzustände: das absolut Ernstnehmen und zugleich vollkommen Übersteigern der eigenen Rolle. Sie glaubten ganz und gar zu sein, was sie waren, und waren es gerade darum nicht – ganz. Larissa und die Generalin schnitzten sich aus dem Rollenangebot ihrer fruchtbaren Welt etwas eigenes, ohne jemals eigen oder gar Ich zu sein, ein postmodernes Kunststück so schrecklich und schön wie das dumme Wort „Postmoderne“.

Dies wird – anscheinend – diese Jahr fehlen; stattdessen meinen die das alle bitter ernst, wie sie es eben in der schrecklichen Welt gelernt haben. Da wird es ordentlich krachen, aber das Krachen wird eben so dumm und boshaft sein, wie alles andere auch. Mir zumindest wird da oft das Lachen im Halse stecken bleiben. Meine Prognose: 2014 war Laibach, 2016 wird Rammstein.